UNSERE 1. FAHRT NACH POLEN INS TIERHEIM PABIANICE

Wie der Stein ins Rollen kam...

es war irgendwann Mitte Juli, als ich beim Stöbern durch diverse Internetseiten auf ein besonders hartes Hundeschicksal gestossen bin - BODZIO aus Pabianice, einem Tierheim mitten in Polen. Beim Anblick der damals einzigen Bilder, die von einer anderen Tierfreundin in mehrere Foren gestellt wurden zwecks Verbreitung dieses armen Hundeschicksals, stockte mir jedenfalls fast der Atem! Man konnte zwar die Rasse des Hundes erkennen - es war ein brauner Boxer, angegeben mit ca. 7,5 Jahren - aber diese arme Kreatur war total geschunden am ganzen Körper und abgemagert bis auf die Knochen. Wahrscheinlich ausgesetzt in einem Waldstück oder vielleicht sogar angebunden an einem Baum, von dem er sich mit letzter Kraft durch Abstreifen des Halsbandes, da einige Stellen im Nacken verletzt waren, befreien konnte !? Letztendlich nur vage Vermutungen..., aber aufgegriffen wurde er im Wald! Zum Glück!!!


Mir stiegen sofort Tränen in die Augen, aber im nächsten Moment war klar: hier müssen wir als Verein helfen! Gesagt, getan...

Zuerst nahm ich Kontakt zu den Ansprechpartnerinnen Michaela + Jenny (www.hundeinnotpolen.de) in Deutschland auf, die in regelmäßigem Kontakt zur Tierheimleiterin Patrycja in Pabianice stehen. Leider konnten Sie mir keine genauen Auskünfte zu Bodzio geben und meinten, ich solle mich bitte direkt an Patrycja wenden, was ich auch sogleich tat. Jenny informierte mich noch , dass Sie Anfang August wieder nach Pabianice fahren wird und den Hund für uns eventuell bis zur Grenze mitbringen könnte, wenn wir ihn ab da übernehmen würden...

Nach erstmaligem Kontakt zu Patrycja stand aber recht schnell fest, dass mit einer raschen Übernahme von Bodzio nicht zu rechnen sei. Bodzio war zu dem Zeitpunkt in einer sehr schlechten körperlichen (und sicher auch seelischen) Verfassung! Um ihn nach Deutschland zu bringen, musste er ja ordnungsgemäß geimpft und gechipt sein. Diese Massnahmen liess sein Zustand aber leider noch nicht zu und Patrycja versicherte mir, er würde jetzt erst mal ordentlich gepäppelt werden. Sobald es ihm besser ginge, würde man ihn impfen und dann könne er weitere 3 Wochen später auch schon nach Deutschland geholt werden...

Das waren natürlich keine zufriedenstellenden Aussagen für uns, denn wenn man die polnischen Verhältnisse in eigentlich fast allen Tierheimen bedenkt, dann möchte man gerade solchen "Notfellen" möglichst schnell und mit optimaler medizinischer Betreuung unter die Arme greifen. Leider mussten wir uns hier fügen und warten... warten... warten.
Und natürlich auch hoffen, dass Bodzio sich trotz der katastrophalen Umstände vor Ort recht schnell erholen würde. Dies tat er zu aller Freude ziemlich schnell!

Da ich seit dem ersten Telefonat nun regelmäßig mit Patrycja in E-Mail-Kontakt stand, hielt Sie mich natürlich immer auf dem Laufenden über Bodzio´s Genesung. Als dann die freudige Mitteilung kam, er könne in der darauffolgenden Woche geimpft werden und somit Anfang September zu uns nach Deutschland kommen, war die Freude natürlich unvorstellbar gross, denn selbst wir hätten gedacht, es würde sich alles noch länger hinziehen... Aber die Fotos, die Patrycja uns zwischenzeitlich ab und zu mitschickte, zeigten auch schon, wie gut Bodzio sich mittlerweile von seinen Strapazen erholt hatte.


Etwas Gutes hatte die Warterei dennoch... - erste Reisevorbereitungen werden getroffen

Wir entschieden uns sofort, nachdem fest stand, dass wir den Transport allein organisieren und somit die uns angebotene Hilfe von Jenny und Michaela ausschlagen müssen, noch weiteren Hunden einen neuen Start in Deutschland zu ermöglichen. Dies wiederum musste gut vorbereitet und organisiert werden. Wir stürzten uns sogleich in dieses Unterfangen. Es wurden Pflegestellen gesucht und zum Glück ausfindig gemacht. Des weiteren starteten wir an mehreren Stellen Spendenaufrufe und informierten die Leute über die schlimmen Zustände in Polen. Zwei ganz emsige Vereinsmitglieder hängten sich ans Telefon bzw. verschickten fleissig E-Mail´s an die grossen Hundefutterhersteller und fragten Futterspenden an.

Es dauerte nicht lange und es erklärten sich spontan einige Privatleute sowie Firmen bereit, uns sogar sehr gern zu unterstützen. Das gab natürlich enormen Antrieb - soviel Verbundenheit und Mitgefühl im Sinne unserer Aktion war einfach nur fantastisch!

Es wurde gesammelt und sortiert, sortiert und gesammelt. Am Ende war jedenfalls eine ganz beträchtliche Menge der zur Verfügung gestellten Spenden zusammen gekommen.

In der Zwischenzeit klärte ich mit Patrycja, welche Hunde zusätzlich für den Deutschland-Transport geeignet seien. Wir einigten uns auf 4 weitere Hunde, die reisefertig gemacht wurden: N° 500 (Floma), N° 536 (Richi), N° 512 (Luna), N° 600 (Flo).

Als endlich alle Formalitäten geregelt waren, sah man dem grossen Tag der Fahrt nach Pabianice gespannt entgegen.

Spontan erklärte ich mich mit Nicole, auch Tiernothilfe Leipzig e.V., sowie als unser Fahrer Michi J. bereit, für diese Fahrt zur Verfügung zu stehen.


Reisebericht Samstag 03.09.2005:

  • Start in Leipzig: 3:15 Uhr
  • Ankunft in Pabianice: 11:30 Uhr
  • Abfahrt in Pabianice: 12:30 Uhr
  • Ankunft in Leipzig: 21:00 Uhr
  • Strecke gesamt: 1130 km
  • Auto: Citröen Jumper (Kasten / Lieferwagen)

  • Die Hinfahrt verlief ohne Zwischenfälle, trotz vorheriger anders lautender Behauptungen. Die schlechten Strassenverhältnisse liessen sich nicht leugnen, aber es gab nach Breslau/Wroclaw auch wieder bessere Streckenabschnitte.

    Nach Einfahrt in Pabianice haben wir das Tierheim, durch ausgezeichnete Beschreibung im Internet, sehr gut und ohne Probleme gefunden.

    Patrycja erwartete uns schon und öffnete das Tor. Sogleich begannen sämtliche Hunde im Tierheim ein wildes (Begrüssungs)Gebelle und Geschrei...

    Nach kurzer Vorstellung untereinander und kleinem "Rundgang" gingen wir auch gleich an die Arbeit und entluden die Spenden zusammen mit Patrycja und ein paar älteren Helfern vom Auto.

    Anschliessend zeigte uns Patrycja alle Hunde, die wir heute mitnehmen würden. Wir begrüssten diese und natürlich alle anderen in unmittelbarer Nähe herzlich. Jedoch waren wir von den Verhältnissen vor Ort mehr als erschüttert! Diese übertrafen unsere schlimmsten Erwartungen um ein Weites... Selbst auf der polnischen Homepage (www.schronisko.icx.pl) sahen die Zustände noch recht passabel aus, aber in Realität ist das ganze Tierheim viel kleiner, der Gestank unerträglich, es gibt keinerlei Grünfläche für die Hunde - überall nur Beton! und es liegt am Ende eines kleineren Gewerbegebietes...

    Alles in Allem nicht wirklich schöne Zustände für die Tiere...


    An dieser Stelle muss ich der Leiterin Patrycja dennoch grossen Respekt und Anteilnahme zu Teil werden lassen! Sie setzt sich tagtäglich (!) unermüdlich für ihre Schützlinge ein, obwohl Sie weiss, wie wenig Respekt Ihr dafür gezollt wird. Trotzdem legt Sie jeden Wochentag die Strecke von 45 km (für eine Tour!) in öffentlichen Verkehrsmitteln zurück und fährt von zuhause ins Tierheim - dafür benötigt Sie allerdings geschlagene 1,5 Stunden ! Lediglich am Wochenende steht ihr ein Auto zur Verfügung, mit welchem sie in ca. 30 Minuten vor Ort sein kann...

    Auch lässt die medizinische Versorgung vor Ort sehr zu wünschen übrig! Es wäre schön, wenn man in naher Zukunft Möglichkeiten hätte, Patrycja und die Hunde hier zu unterstützen...

    Eigentlich hatten wir für den Tierheimaufenthalt ca. 2 Stunden eingeplant. Jedoch waren die Ausräumarbeiten und Formalitäten schneller erledigt als gedacht.

    Wir unterhielten uns noch kurz mit Patrycja, verteilten Leckerlies an einige Hunde und "verluden" dann die 5 Hunde in ihre Boxen im Auto.

    Dann folgte ein kurzer Abschied von Patrycja, mit dem Versprechen, Sie auch in Zukunft weiter zu unterstützen und wir rollten mit unseren Schützlingen vom Hof...

    Bodzio war sehr aufgeregt während der ganzen Fahrt und bellte zwischendurch immer wieder kräftig (ca. 50% der Rückfahrt), tigerte in seiner XXL-Box (!) umher, legte sich kurz hin um sich gleich darauf wieder hinzustellen. Die restlichen Hunde verhielten sich erstaunlicherweise ruhig, nur N° 500 stimmte ab und an in Bodzios Gebell ein. Tja, und da ich mit den Hunden hinten im "Gepäckraum" sass, begann ich zu grübeln, wie man polnischen Hunden zu verstehen geben könnte, bitte "die Klappe zu halten"...?!? Mir wurde schon ganz mulmig, wenn ich auch nur an die Grenze dachte... - obwohl wir ja für alle Hunde ordnungsgemäße Papiere hatten!

    Hund N° 600, unser kleines Sorgenkind, durfte mit Nicole im Fahrgastraum sitzen und genoss deren Streicheleinheiten sichtlich. Allerdings schien "die Kleine" nicht "autotauglich", denn nach kaum 5 Minuten Fahrt mussten wir den ersten Notstop einleiten... Aber mit der Zeit wurde es immer besser und auch ein wenig ruhiger im Auto, obwohl dann bei "meinen" 4 Hunden auch das ein oder andere Malheur passierte - unsere Nerven wurden schon arg strapaziert, aber es war für einen guten Zweck und wir nahmen es somit doch gern in Kauf!

    Nach mehreren kleinen Zwischenstopps erreichten wir gegen 17.30 Uhr eine ziemliche lange Autoschlange an der polnisch-deutschen Grenze. Uns war nicht recht wohl bei dem Gedanken, die Hunde könnten Theater schlagen... Auch rebellierte N° 536 arg, da er für den Grenzübertritt in eine kleine Box gesteckt werden musste, da ich ja offiziell nicht hinten im Transporter mitfahren durfte und wenigstens an der Grenze offiziell der zweite Beifahrer war.
    Alle Autos vor uns wurden einer intensiven Passkontrolle unterzogen, dass dauerte für uns Ewigkeiten..., und als wir an der Reihe waren, fragte uns der polnische Zöllner lediglich ob und was wir zu verzollen hätten und wollte nicht mal die Ausweise sehen, nicht mal vom Welpi, der bei Nicole auf dem Schoss lag und grunzte... 3 Meter weiter standen die deutschen Beamten und winkten uns durch !!! Nein, so viel Glück kann man gar nicht haben, oder?! Wir waren heilfroh, endlich in Deutschland zu sein, legten einen kurzen letzten Stop ein, "befreiten" N° 536 aus seiner engen Box und fuhren Richtung Heimat. Ich sass wieder hinten bei den Schnuffels und alles war gut. Mit Einbruch der Dunkelheit legte sich dann auch der "rebellische" Boxer Bodzio in seiner Box zum Schlafen und für die nächsten 2 Stunden bis zur Ankunft in Leipzig war Ruhe im Auto.

    Gegen 21:00 Uhr trafen wir wieder in Leipzig ein. Nicole und ich kümmerten uns um die Hunde, liessen Sie der Reihe nach deutsche Luft schnuppern und deutsche Wiesen bepieseln... Dann warteten wir bis 21:30 am vereinbarten Treffpunkt zur Übergabe unserer Schützlinge an ihre Pflegeeltern. Alles klappte hervorragend! Gegen 22:00 brachen alle Hunde samt Pflegefamilien in die neuen Zuhause auf und Nicole, die Bodzio über nacht betreute, und ich waren mächtig groggy und erledigt.

    Nichts desto Trotz hatten wir noch eine Aufgabe für diesen Abend - wie alle anderen Hunde und Pfleger auch... !

    Uns war schon während der Fahrt aufgefallen, dass sich alle Hunde sehr oft und kräftig kratzten. Sehr schnell war die Ursache geklärt - FLÖHE! Also organisierten wir noch während der Fahrt, dass Katrin und Tino vom Verein, bitte zusätzlich mit Anti-Flohmitteln bewaffnet, zum Übergabetreffpunkt der Hunde kommen sollten.

    Nachdem wir bei Nicole daheim waren, wurde Bodzio, zu unserem Erstaunen, ohne grössere Probleme in die Wanne verfrachtet und ordentlich durchgeschäumt. Er war so brav, liess alles über sich ergehen und bekam zur Belohnung noch ein dickes Schweineohr von Nicole, über welches er sich genüsslich hermachte und wie ein junger Spund damit über den Teppich schusselte.

    Überhaupt fiel uns auf, dass er in Spielzeug ganz vernarrt zu sein scheint und im Spiel auf Hochtouren kommt. Ebenso legte er während der gesamten Autofahrt keinerlei aggressives Verhalten an den Tag, obwohl er Blickkontakt zu den anderen Hunden hatte... Dies liess uns natürlich sehr hoffen und so verabredeten wir uns für den nächsten Tag mit den angedachten Pflegeeltern und deren Hündin auf neutralem Platz zwecks Verträglichkeitstest.

    Und siehe da, er hat keinerlei Probleme mit anderen Hunden! Entweder beachtet er diese gar nicht oder er geht freundlich mit ihnen um... Alles prima!!



    Auch die anderen 4 Hunde sind total lieb und pflegeleicht, allerdings alle noch sehr schreckhaft. Aber man weiss ja auch nicht, was diese Hunde schon alles erlebt haben ...

    Alles in allem war es eine echt lohnenswerte Fahrt ! Wenn man sieht, aus welchen Verhältnissen man die Hunde "befreien" konnte und wie sie sich innerhalb kürzester Zeit eingelebt und entwickelt haben, gibt einem das ein wunderbares Gefühl der Zufriedenheit... -
    obwohl man aus tierschützerischer Sicht wohl nie wirklich zufrieden sein kann!!!

    Mir gehen die vielen Hunde im Heim gar nicht mehr aus dem Sinn! Es ist so traurig, nur ein paar wenigen haben helfen zu können... Es ist sehr deprimierend, um die Zustände in diesem einem Heim (es gibt ja auch noch soooo viele andere...!) zu wissen! Selbst unsere Spenden sind nur ein Tropfen auf den heissen Stein, aber wir haben uns wenigstens bemüht, dort ein wenig Unterstützung zu leisten...

    Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass mehr Menschen auf diese Thematik aufmerksam gemacht werden, denn nur zusammen können wir etwas erreichen!!!

    Vielleicht könnten sich bei der nächsten Hilfsaktion noch mehr Tierschutzvereine beteiligen...???

    Zum Abschluss...

    möchte ich anmerken, sicher gibt es auch im eigenen Land genug Leid und Elend von Tieren... , ABER gerade in zahlreichen Nachbarstaaten (egal ob südlich oder östlich der Grenzen gelegen!) haben Tiere überhaupt keine Lobby oder sie ist so klein, dass sie kaum auf Gehör und Verständnis trifft !


    Daher hat sich unser Verein das Ziel gesteckt, AUCH DIESEN Tieren zu helfen, denn Tiere können leider nicht für sich selbst sprechen und sind auf menschliche Unterstützung und Hilfe angewiesen!

    Alexandra Kind
    Tiernothilfe Leipzig e.V.

    07.09.05